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19. März 2018

Was ist gute Beratung? Zum Spätwerk von Edgar Schein

„Helfen ist ein komplexes Phänomen: Manchmal hilft es, manchmal nicht.“

Was kann der Leser erwarten, wenn ein Wissenschaftler, Denker und Praktiker vom Rang eines Edgar Schein nach mehr als 50 Jahren aktiver Arbeit auf dem Feld der Organisationsberatung und Organisationsforschung seine bisherigen Erkenntnisse und Erfahrungen zusammenführt? Bei vielen, bei denen Edgar Schein in seiner Zeit an der Universität in Chicago, am M.I.T.-Labor von Kurt Lewin und in Harvard gelernt hat, wie z.B. Carl Rogers, Erving Goffmann, Talcott Parsons oder Dick Beckhart sind es im Wortsinn vielseitige, manchmal sogar mehrbändige Abhandlungen, die man gemeinhin zum „Spätwerk“ der jeweiligen Autoren rechnet.

Edgar Schein, Mitbegründer des Theorie- und Praxisfeldes der Organisationsentwicklung, Autor inzwischen klassischer Werke zur Prozessberatung, zur Organisationskultur, zu Führung und Veränderungsmanagement hat schon 2009 sein Spätwerk in Form eines knapp 160seitigen Essays zum „Prozess und zur Philosophie des Helfens“ sowie 2013 in einem kleinen Ergänzungsband zur Kunst des zurückhaltenden Fragens („Humble Inquiry“) vorgelegt.

Das ist erstaunlich, führt man sich die Spannweite der Themen vor Augen, die Edgar Schein in den beiden Bänden sich vornimmt. In der Schrift über das Helfen sind es die Fragen nach den grundlegenden Spielregeln der helfenden Beziehung, nach der Bedeutung und der Wirkungsweise von Verständnis und Vertrauen in der sozialen und psychischen Dynamik zwischen Helfer und Klient, die Edgar Schein nicht aus nur rein psychologischer Perspektive analysiert. Das wäre ihm, der sich in der Traditionslinie einer soziologisch aufgeklärten Anthropologie bewegt, zu kurz gesprungen. Bleibt die Psychologie des Helfens beim Temperament oder der Persönlichkeit stehen, stößt Schein, wohlvertraut mit den Methoden ethnographischer Beobachtung und sozialpsychologischer Tiefenhermeneutik, zu den Kernprozessen sozialer Interaktion vor – die seiner Erkenntnis nach in sämtlichen Bereichen sozialen Lebens zu finden sind. Die Kunst zu helfen ist im Sinne Scheins eine Fähigkeit, die für das Erreichen gemeinsamer Ziele von Menschen in unterschiedlichen persönlichen, beruflichen und gesellschaftlichen Rollen gleichermaßen praktiziert wird.

Damit helfen gelingt, so könnte man Scheins grundlegende Einsicht zusammenfassen, muss der Helfer als auch der Klient, ohne Vertrauens- und Verständniseinbruch die zu Beginn einer helfenden Beziehung herrschenden Ungleichgewichte, Unsicherheiten und Unwissenheiten abbauen. Damit dies gelingt, ist mehr als nur der Ausgleich von Informationsdefiziten notwendig. Natürlich weiß der Helfer (in der Rolle des Beraters) zu wenig über Motivlage, Kontext, Situation, Problemlösungs-kompetenzen und Vorerfahrungen des Klienten. Und dieser wiederum beginnt die helfende Beziehung mit ebenso vielen Unklarheiten. Ist der Helfende kompetent? Was ist sein Motiv, mir zu helfen? Welche Fähigkeiten brauche ich, um die Hilfe umzusetzen? Was ist der finanzielle, soziale, emotionale Preis für die Hilfe? Um die helfende Beziehung auf eine stabile und effektive Grundlage zu stellen, braucht es daher eine soziale Interaktion, die sehr reflektiert mit den kognitiven, emotionalen und sozialen Asymmetrien umgeht. Wie typische Hilfe-Situationen verlaufen, führt Schein vor allem mit Rückgriff auf die Theorien von Goffmann (Helfen als Theater) vor. Als grundlegende Fähigkeit für den Helfer, erweist sich die Technik des zurückhaltenden Fragens so gleichsam als Königsweg zum Aufbau einer tragfähigen Klientenbeziehung. Wie diese auch in professionellen Kontexten herzustellen ist, fasst Schein im letzten Kapitel mit zahlreichen Tipps und Prinzipien zusammen.

Die Beispiele, an denen der Autor die verschiedenen Aspekte der helfenden Beziehung illustriert, sind sowohl aus dem familiären, beruflichen oder auch öffentlichen Leben entnommen. Immer geht es um Situationsangemessenheit, das Wechselspiel von Hilfe und Belohnung, den Aufbau von Vertrauen, den Umgang mit Wissen und Nicht-Wissen, damit helfende Beziehungen entstehen. Und dass es sehr häufig sehr private und für den Autor bedeutsame Situationen sind, in denen er das Gelingen und das Scheitern des Helfens auf die zugrundeliegenden Kernprozesse und Mechanismen zurückführt, trägt zum ohnehin sympathischen Stil der Schriften bei. Praktiziert Schein doch im besten Sinne das, was er als Autor seinen Lesern dringend ans Herz legt: Nicht zu belehren und mit der Lösung zu einem nur halbverstandenen Problem daherzukommen, sondern sich in der Kunst des behutsamen, des zurückhaltenden Fragens zu üben. Dies ist denn auch die eigentliche Qualität der Spätschriften: sie bleiben bei der Problemstellung nicht anekdotisch stecken, sondern ruhen auf gefestigten Erfahrungen, Erkenntnissen und Einsichten, und machen die Grundannahmen und den gedanklichen Kontext in den einführenden Bemerkungen transparent. Und sind in der Beantwortung der Schlüsselfragen eben nicht vorschnell plakativ, sondern argumentativ überzeugend und prägnant.

Mit welcher Gelassenheit, Klugheit und Bescheidenheit Edgar Schein beispielsweise die für die deutschsprachige Beraterzunft so wichtige und vieldiskutierte Abgrenzung von Experten-, Prozess- oder Komplementärberatung mit einem stimmigen Konzept guter und damit richtiger Beratung überschreitet, sollte zu denken geben. Denn aus dem Essay über das Helfen lassen sich mühelos nicht nur Erkenntnisse über Teamarbeit, Führung und Veränderungsmanagement in Unternehmen gewinnen, sondern eben auch eine vom Erfinder der Prozessberatung selbst aktualisierte Antwort auf die bereits 1969 gestellte Frage: „Was ist Beratung?“. Gute Beratung, jedenfalls in der Ausprägung des Prozessberaters Edgar Schein, hat die Kunst des zurückhaltenden Fragens zur Voraussetzung.

Welche Vielfalt an Formen und Varianten des zurückhaltenden Fragens über die aus der systemischen Familientherapie bekannten Modelle hinaus möglich und wirkungsvoll sind, führt Edgar Schein im neuen Essay „Humble Inquiry“ reflektiert und prägnant aus.

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